29. Oktober 2020
Ein Interview während der Corona-Krise mit einem Hausarzt.

«Die Corona-Krise ist eine Chance für Veränderung im Gesundheitswesen»

Spitäler und Arztpraxen waren wegen der Corona-Krise so schlecht ausgelastet wie nie zuvor. Denn bis zum 27. April durften nur lebensnotwendige Behandlungen durchgeführt werden. Inwiefern hatte diese Situation einen Einfluss auf die Arztpraxen? Und welche Herausforderungen brachte der Lockdown mit sich? Wir haben bei jemandem nachgefragt, der betroffen ist: Dr. Bernhard Koller.

Inwiefern hatte der Lockdown einen Einfluss auf Ihre Praxis?

Unsere Praxis war stets geöffnet und gewährleistete die Grundversorgung. Auch Notfälle und Hausbesuche standen an der Tagesordnung. Wir bestellten schon relativ früh und vor den offiziellen Anweisungen Desinfektionsmittel, hielten Abstand und benutzten Masken – die FFP2 und 3 waren bereits nicht mehr lieferbar. Als der Lockdown kam, benachrichtigten wir zuerst die Hochrisiko-Patienten mit einem Termin und verschoben diesen in vielen Fällen. Es gab Tage, an denen rund ein Drittel weniger Patienten gekommen sind als früher, manchmal sogar nur halb so viele. Dafür klingelte das Telefon öfter, bis zu 15 Gespräche führte ich pro Tag. Viele Patienten waren unsicher, beunruhigt oder hatten Angst. Sogar ein Schulleiter hat bei uns angerufen um sich einen Rat einzuholen. Auch die Abgaben von Medikamenten, Blutentnahmen, etc. geschahen sicherheitskonform – wir mussten umorganisieren, Informationstexte anbringen, Desinfektionsmittel und Masken aufstellen. Manchmal brachten wir die benötigten Dinge den Leuten nach Hause, ich sogar mit dem Velo.

Wie genau setzten Sie die Vorgaben zum Abstandhalten in den Warteräumen um?

In den Wartezimmern platzierten wir nur eine Person, oder zwei zusammengehörige Personen. Wenn mehr als eine Person vor Ort war, verteilten wir sie in verschiedenen Räumen. Die Räume und Türklinken desinfizierten wir regelmässig und besprayten die Luft.

Erlebten Sie auch Momente, in denen Patienten ihre Anweisungen nicht befolgten?

Es gab durchaus die Situation, dass jemand etwas unbedacht in die Praxis hineinspaziert ist. In solchen Momenten mussten wir klare Grenzen setzen und informieren. Die meisten Personen hielten sich aber an die Vorgaben.

Inwiefern hat sich denn das Verhalten ihrer Patienten verändert?

Als der Lockdown noch frisch war, hatten viele Patienten Angst und wollten nicht länger als 10 Minuten bleiben. Das hat sich wieder geändert, heute bleiben Patienten länger. Die meisten hielten sich auch an die Vorgaben und meldeten sich telefonisch an. Ich denke aber, dass es viele Patienten gab, die sich aus Angst oder Verunsicherung nicht gemeldet haben, obwohl das besser gewesen wäre. Es gab auch das Gegenteil: Corona-Hysterie-Patienten mit Atemnot, Hyperventilation und Panikattacken. Praktisch immer hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass sie sich nicht mit dem Coronavirus infiziert hatten.

Wir hatten es mit einer neuen Art von Patient zu tun: Dem Corona-Hysterie-Patienten

Dr. Bernhard Koller, Hausarzt

Hatte der Lockdown auch finanzielle Folgen für die Praxis?

Ja, wir hatten in dieser Zeit sicher einen Drittel weniger Umsatz, oder erwirtschafteten gar nur die Hälfte. Einerseits lag das an den geringeren Patientenzahlen, andererseits an den zurückgegangenen Medikamentenverkäufen. Trotzdem meldeten wir nie Kurzarbeit an, Arbeit – vor allem administrative – hatte es genug.

Sehen Sie die Corona-Krise als Chance, dass sich das Gesundheitswesen verändern kann?

Ja, die Corona-Krise bietet einen Startpunkt dazu. Das Gesundheitspersonal hat nichts davon, wenn zum Dank Lieder auf den Strassen gesungen werden oder geklatscht wird. Auch wenn das eine nette Geste ist und als Zeichen der Wertschätzung gedacht war. Seit Jahren geben Pflegepersonal und Ärzte klare Signale, dass die Arbeitsbedingungen wegen Sparmassnahmen schlechter werden. Gleichzeitig steigert sich die Belastung und Verantwortung wegen der erhöhten Anzahl an zu betreuenden Patienten. Ernst genommen hat man unsere Signale nicht. Es sei zu teuer. Es braucht einen hohen Anteil Selbstlosigkeit und Allgemeinsinn, diese Arbeit motiviert und korrekt zu tätigen. Die Rekrutierungsprobleme in der Pflege und bei den Ärzten kommen nicht von ungefähr – die Tätigkeiten sind unattraktiv geworden. Darüber sollte man jetzt nachdenken. Die Arbeitsbelastung mit Wochenenden und Feiertagen, Nachtschichten, etc. ist hoch. Ich würde mir wünschen, dass wir endlich Folgendes einsehen: Das Gesundheitswesen muss der Marktlogik nicht entsprechen. Das Gesundheits- und Spitalwesen muss nicht um jeden Preis Profit einbringen, sondern soll der Allgemeinheit dienen. Auch wenn das nicht immer profitabel ist.

 

Elena Wetli

Pflanzen, gutes Essen und Japan lassen Elenas Herz höher schlagen. Sie interessiert sich aber auch für Nachhaltigkeit und liebt es, Budgets zu erstellen. Elena ist die Newsroom-Praktikantin bei Comparis.

View all posts by Elena Wetli →

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.